Gott nahe zu sein ist mein Glück!

Predigt zum Stadtfestgottesdienst, Baunatal, 29.6. 2014.
Jahreslosung: Gott nahe zu sein ist mein Glück! Psalm 73, 28.
Roland Kupski

Liebe Festgemeinde, liebe Gäste, Schwestern und Brüder im Herrn!
Wir sind hier auf dem Marktplatz. Der Marktplatz ist seit jeher ein Ort des Glückes. Denn jeder, der hierher kommt, sucht nach Glück. Die einen wollen sich etwas Schönes oder Wichtiges kaufen: Schuhe, was zu Essen, Brille, Eis. Gibt es hier alles, und für mich: Bücher! Die anderen kommen hierher, um etwas zu verkaufen – weil sie davon leben, weil sie ihre Bude entrümpeln oder weil ihnen Handeln Spaß macht. Und heute sind wir hier, um zu feiern. Ein ganz einfaches Glück wird hier angeboten, und wir sollte es nicht geringschätzen. Wir wissen sehr genau, dass dieses Glück nicht haltbar ist. Was wir suchen ist ein dauerhaftes Glück. Ein Glück, das nicht nur ein Moment ist oder ein angenehmer Zufall. Was wir zutiefst suchen, ist dauerhaftes Glück. Und das können keine Waren sein und keine Dinge. Und darf auch nicht einfach Zufall sein: denn der ist ungerecht.

Und jetzt bietet die Kirche auch Glück an auf dem Markt. Was haben wir hier zu verkaufen? Welches Glück können wir anbieten? Das ist ja eine ungewöhnliche Zusammenstellung: Gott und Glück, Glaube und Glück oder gar: Kirche und Glück!
Aber schauen wir, ob es nicht doch zusammen passt. Wir wären nicht hier, wenn wir davon nicht überzeugt wären, und wir wären nicht hier, wenn wir nicht davon überzeugt wären, dass es auch dem Glück der Stadt dient, wenn Gott ihr nahe ist.


„Gott nahe zu sein ist mein Glück“, haben wir als Motto gewählt, es ist ein Vers aus dem 73. Psalm, der zumindest uns evangelische Christen das ganze Jahr über begleitet, aber natürlich für alle Christen gilt und wahr ist. Und dieses Glück gibt es umsonst. Wir sind hier auf dem Markt, um Euch etwas zu schenken. Oder besser gesagt: um uns gegenseitig etwas zu schenken. Oder noch genauer: um uns beschenken zu lassen.
Und was soll das für ein Geschenk sein?
Der Vers sagt es ja: die Nähe Gottes! Hier und heute ist uns Gott nah – und zwar aus dem einfachen Grunde, dass wir uns in seinem Namen versammelt haben. Daran will uns dieser Gottesdienst wie jeder andere auch erinnern: Gott ist nah. Und er ruft uns zusammen. Glück finden wir nur in der Gemeinschaft von Mensch und Gott, von Gott und Mensch.

5 Bilder haben wir gesehen, bzw. gehört. Sie alle beschreiben es auf ihre Weise:
Wir haben den 73. Psalm gehört. Er beschreibt eindrücklich, wie ein Mensch an sich, an der Welt und vor allen an den Menschen fast irre geworden ist. Er verlor Gott völlig aus den Augen, weil er sich ärgerte, dass es den üblen Menschen so gut geht, dass die Großfressen und Wichtigtuer sich durchsetzen, aber der redliche Fromme, der nach Gott fragt, untergeht. In seiner Not geht er in den Tempel  - und das war das Beste, was er tun konnte. In Tempel erfuhr er, dass die Nähe Gottes ein größeres Glück ist als alles andere Glück der Erde: Weil es den Tod überdauert und weil Gott auch im Unglück nahe ist. Der Beter hört, dass Gott treu ist. Darum ruft er, ganz glücklich. Ich aber: Gott nahe zu sein ist mein Glück!
Wir haben die Geschichte des Zachäus gehört: ein Zöllner, ein Steuereintreiber und Mautnehmer für die Römer. Die Römer waren sehr raffiniert darin, Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Die Zöllner mussten von den Einnahmen leben, die über den vorgeschriebenen Zoll und die festgesetzte Maut hinausgingen. Sie wurden zum Betrügen gezwungen. Kein Wunder, dass sie als Abschaum galten, und Zachäus weiß das ganz genau und ist, obwohl reich, tiefunglücklich. Aber wie da raus kommen?  Es treibt es ihn, wohl aus Neugier, Jesus zusehen, von dem er gehört hat. Er klettert, weil er klein ist, auf einen Baum. Und jetzt wiederfährt ihm ungeheures, großes Glück. Jesus sieht ihn: Steig herab von Baum, ich will heute bei Dir Essen! Ich weiß nicht, ob ihr auch nur ahnen könnte, was das bedeutet. Es ist völlig egal, ob Zachäus Jesus für den Sohn Gottes hielt oder was er sonst von ihm dachte. In aller Öffentlichkeit lädt sich ein frommer Jude bei einem Zöllner zum Essen ein: ein ungeheurer Skandal. Für die Menschen auf dem Markt eine Ungeheuerlichkeit: Sie zerreissen sich gleich das Maul: wie kann er das machen, zu einem solchen Sünder zu gehen! Doch für Zachäus ist das die große Lebensveränderung. Das größte Glück seines Lebens. Auf dem Markplatz von Jericho bekommt er den Anstoß, nach dem er vielleicht schon lange gesucht hat: sein Leben zu ändern. Spontan sagt er einen Satz, der ihn für den Rest seines Lebens glücklich machen wird: „Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück“ Das Glück der Vergebung führt zum Glück der Gerechtigkeit und des Gebens. Zachäus wird von seiner Vergangenheit befreit. Das wäre für viele Menschen das größte Glück auf Erden! Ein Satz von Jesus genügte.
Am Ende ist Zachäus um sein halbes Vermögen ärmer. Aber innerlich ist er reich.

Es hat mich sehr beeindruckt, wie die jungen Leute hier diese Geschichte aufgenommen haben. Die Tochter will nicht in den Gottesdienst, obwohl die Mutter es möchte. Die Mutter weiß, dass der Gottesdienst einem gut tun kann, weil man dort wenigsten die Chance hat, in die Nähe Gottes zu gelangen und Jesu Stimme zu hören. Die Tochter ist genervt. Sie spricht mit einer Freundin, die will sie auch ermuntern. Die Tochter wird wütend, weil sie nicht versteht, was alle mit dem doofen Gottesdienst haben. Schließlich geht sie hin, murrend. Und kommt verändert wieder. Sie hat die Stimme Jesu gehört und neu gelernt, zu beten. Sie ist glücklich.

Gebt Euch wenigstens die Chance, in Gottes Nähe zu gelangen! Dafür braucht es nicht viel. Er ist immer da: überall dort, wo sich Menschen versammeln zum Gebet, zum Hören auf sein Wort, zum Zusammensein. Hier in Baunatal gibt es Kirchen, in denen Sonntag für Sonntag, und meist auch noch über die Woche hinweg, Gottes Nähe verkündet wird, sie sind Erinnerungsmale der Nähe Gottes. Für jeden Geschmack, möchte ich fast sagen, ist etwas dabei. Alle sind eingeladen!

Nächste Szene:

Der Vater, ein Fußballfan, sammelt Panini-Bildchen, und nun kommt der große Fußballstar in die Stadt. Ich denke, dass werden die Radfahrfans unter Euch in diesen Tagen auch erleben: diese Begeisterung für einen Menschen, der Außerordentliches vollbringt. Ich kenne mich da überhaupt nicht aus, aber ich bin mir sicher, hier werden in diesen Tagen auch ein paar Superstars sein. Der Vater ist allerdings ein bisschen fanatisch. Vor lauter Sport vernachlässigt der Mann seine Familie, und offensichtlich nicht nur für ein paar tage, wie jetzt während der Fußballweltmeisterschaft.  Das ist Übel. Er verspielt das Glück von Familei, Freundschaft und Beziehung für seinen Fanatismus. Und er merkt es gar nicht. Er wundert sich nur, was alle von ihm wollen.
Und dann begegnet ihm der Superstar – und erzählt davon, dass ihm unter dem Sport die Familie zerbrochen ist. Und dass der Sport wichtig ist, aber nicht alles sein darf. Er soll heimgehen zu seinen Leuten. Das Wort des Superstars verändert das Leben dieses Mannes. Er hat nichts Angenehmes zu hören bekommen, er wurde ermahnt und zurechtgewiesen – und seht ihr, das war sein Glück. Am Ende stehen alle lachend beisammen: Der Vater ist wieder da! Das finde ichsehr beeindruckend, wie die jungen Leute das herausgespielt haben und uns Erwachsenen damit auch einen Spiegel vorhalten. Gott nahe zu sein ist mein Glück: weil wir in der Gemeinschaft Gott nahe sind, in der Vergebung und dort, wo wir einander begleiten auf dem Weg durchs Leben. Gemeinschaft heißt dieses Glück. Auch der Vater fand sein Glück „auf dem Markt“, wo der Superstar Bücher unterschrieb. Hätte man das gedacht? ‚

Und schließlich, und das nötigt mir tiefen Respekt ab, trauen sich die Konfirmanden sogar in den tiefsten Winkel dieses Gedankens. Freunde sterben. Eine furchtbare Erfahrung. Die Schlimmste, die man außer dem Tod von Kindern und Eltern machen kann. Wo ist Gott da? Was tut er? Wo ist da das Glück? Ist es nicht geradezu zynisch, hier noch zu sagen: Gott nahe zu sein ist mein Glück? „Aber wir haben doch noch uns“, heißt es am Ende. Die gemeinsame Trauer, die gemeinsame und geteilte Erfahrung von Unglück führt die Überlebenden zusammen: Aber wir haben doch noch uns! Einander nahe zu sein, ist unser Glück. Der Glaube vertraut darauf, dass Gott auch in den tiefsten Tälern unsers Lebens nahe ist. Und wenn Du nicht glauben kannst, dann glaube ich für dich mit, bis Du wieder zum Glauben findest. Das meine Lieben, ist die eigentliche und wichtigste Aufgabe der Kirche, egal in welcher Gestalt: Solidarität im Leiden. Das Glück des Glaubens heißt: Trost, Beistand, Treue. Das ist ein tiefes Glück, das mit dem lauten Jahrmarktsglück nun gar nichts mehr zu tun hat. Es ist, man muss es sagen, ein Glück, das nur kennt, wer es kennengelernt hat, und wir sollten und müssen tiefen Respekt haben vor allen Menschen, die aus solchen Verlusten heil herausgekommen sind: denn Gott war ihnen nahe, ob sie es glauben oder nicht.

Heil – das ist das Stichwort. Der Glaube will uns heilen: heilen von der Angst, heilen vom Schmerz, heilen vom Stress, heilen von der Einsamkeit, heilen auch marktförmigen Denken, dass alles seinen Preis habe.
Das ist es, was wir hier tun: wir rufen einander zu: Gott nahe zu sein ist mein Glück! Und dieser Ruf gehört auf den Markt, wie er in die Familien gehört und an den Arbeitsplatz, in die Schulen und überall, wo Menschen zusammen sind auf der Suche nach dem Glück. Dieses Glück gibt es heute, jetzt, hier, auf dem Markt in Baunatal für Baunatal und alle, die hier sind. Schuhe sind was Schönes, ich habe da ein Schwäche für. Ich kann nicht über den Markt gehen, ohne ein Würstchen zu essen, und jede Buchhandlung ist für mich eine Versuchung. Soviel Glück gibt es hier zu kaufen!
Doch das Glück, in meinem Leben einen Sinn, in meinem Nachbarn den von Gott geliebten Nächsten zu sehen und in meiner Einsamkeit und Trauer nicht allein zu sein, das Glück der Gemeinschaft: das kann ich hier nicht kaufen. Das gibt es umsonst: Überall, wo der Name Gottes angerufen wird, werden Menschen zusammengeführt, erfahren Trost, Ermahnung, Begleitung, Gemeinschaft im Gebet. Nehmt es mit, dieses Glück, gebt es weiter: Dieses Glück wird mehr, wenn man es teilt – das hat Zachäus verstanden! So tragen wir auch als Christen bei zum Glück der Stadt, und nicht zu knapp. Ihr seid eingeladen, daran teilzuhaben! Wir alle sollen sagen können: Gott nahe zu sein ist mein Glück. Das wird auch ein Glück für diese Stadt sein. Amen.